Hintergrund

Allgemeines zum Schlaganfall

Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache und die häufigste Ursache von bleibender Behinderung im Erwachsenenalter in den westlichen Ländern. Laut Statistischem Bundesamt wurden in Deutschland im Jahr 2006 ca. 240.000 neu Erkrankte gezählt. Neben dem erheblichen individuellen Leid entstehen hierdurch enorme Kosten, insbesondere für die Langzeitpflege.

 

Es ist heute möglich, Blutgerinnsel in den Hirngefäßen durch eine sogenannte Lysetherapie aufzulösen. Das Hirngewebe kann dann wieder mit Blut versorgt werden. Die Infusion des Lysemedikaments stellt gegenwärtig die einzige zugelassene Therapie des akuten Schlaganfalls dar. Allerdings kann die Lyse nur dann zur Anwendung kommen, wenn ein Blutgerinnsel der Hirnarterie den Schlaganfall (85 % der Fälle) verursacht. Nicht geeignet ist die Lyse bei einer Hirnblutung (15 % der Fälle). Hier würde die Lysetherapie die Krankheit verschlimmern. Die Symptome beider Schlaganfallformen (Mangeldurchblutung und Hirnblutung) sind in der Regel die gleichen: plötzlich einsetzende Lähmung, Gefühlsstörung oder Sprachstörung. Die Unterscheidung der beiden Schlaganfallformen gelingt mit dem Computertomografen. Nach dem Ausschluss einer Hirnblutung durch Bildgebung und nach Durchführung verschiedener Labortests ist die rettende Lysetherapie vor Ort im Rettungswagen in gleicher Weise wie im Krankenhaus möglich.

Bei kaum einer Erkrankung ist die Zeit zwischen Symptombeginn und Therapie so wichtig für den Erfolg der Behandlung wie beim Schlaganfall. Die Heilungschancen sind bei frühzeitigem Therapiebeginn um ein Vielfaches höher. Trotz der unumstrittenen Wirksamkeit der Lysetherapie kommt sie in den meisten Kliniken nur bei 1-2 % und selbst in Schlaganfall-Zentren nur bei 4-7 % der Schlaganfallpatienten zum Einsatz. Der häufigste Grund hierfür ist verspätetes Eintreffen der Patienten in der Klinik.

Innovation

Diese von uns entwickelte, weltweit einzigartige Mobile Stroke Unit beherbergt einen Computertomografen und Laborgeräte, die für die Diagnostik des Schlaganfalls unentbehrlich sind. Per Telemedizin können darüber hinaus die Bilddaten und Videos der Patientenuntersuchung in die Klinik gesandt werden, um ggf. weitere Expertise einholen zu können.

Das Besondere: Patienten verlieren keine Zeit für den Transport in die Klinik, da bereits vor Ort eine Diagnose gestellt und dann auch eine Behandlung eingeleitet werden kann. Zudem werden kritische Schnittstellen zwischen den verschiedenen Berufsgruppen und verschiedenen Ärzten (Rettungswesen, Klinikmitarbeitern etc.) reduziert, da die Diagnostik und Therapie in den Händen von einem einzigen spezialisierten Team liegt. Es gilt: Je schneller die Behandlung, desto geringer der Hirnschaden ("time is brain!").

Die Mobile Stroke Unit ist ein Rettungswagen, welcher, außer der konventionellen Rettungswagenausstattung, ein akkumulatorbetriebenen und bleiabgeschirmtes CT beinhaltet sowie ein Telemedizinsystem, welches die Ãœbertragung von DICOM-Daten der CT-Scans sowie Real-Time-Videl-Aufnehmen der Patientenuntersuchung via UMTS (high speed downlink packet access) direkt in die Klinik ermöglicht (die Bilder in das PACS-System der Klinik). Zudem findet die seitens der Zulassungskriterien und der Leitlinien geforderten schlaganfall-spezifischen Laboruntersuchungen (Blutplättchen, Erythrozyten, Leukozyten, Hämoglobulin, Hämatokrit, INR, α-PTT, α-GT, P-Amylase, Glukose) mittels eines "Point of care"-Laborsystems statt.

Seit Ende 2008 analysieren wir die Durchführbarkeit dieses Konzepts. Die ersten Erfahrungen ergaben, dass nicht nur aufgrund der kürzeren Wege, sondern insbesondere aufgrund der gesteigerten Effizienz an den relevanten Schnittstellen zwischen Rettungsdiensten, Notärzten, Neurologen, Neuroradiologen, Neurochirurgen und Laborpersonal durch das "Mobile Stroke Unit"-Konzept wichtige Zeit eingespart wird. So wurden die bisherigen Zeitgrenzen des Schlaganfallmanagements dramatisch unterschritten. Die ersten Einsätze dokumentieren bereits das breite Spektrum neuer medizinischer Möglichkeiten, die sich durch die MSU -Strategie eröffnen:

  • Entscheidung für oder gegen eine Thrombolyse in der Prähospitalphase des Schlaganfalles
  • Organisation eines "Bridgings" mit IV Thrombolyse am Notfallort und anschließender intraarterieller Rekanalisation im Krankenhaus, z. B. bei Hinweisen auf Mediaverschluß
  • Prähospitale Klärung hinsichtlich der Notwendigkeit chirurgischer oder anderer Interventionen durch telemedizinische Interaktion mit Krankenhausexperten
  • Leitlinienkonformes und ätiologiespezifisches prähospitales Management physiologischer Variablen (Blutdruckmanagement bei hemorrhagischem Schlaganfall)
  • Prähospitale Triage hinsichtlich des Zielkrankenhauses (weiter entferntes Krankenhaus mit Stroke Unit, Neurochirurgie oder Neuroradiologie versus näher gelegene Institution ohne diese Ressourceen)